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der Pflegeblog

Mein Herz ist wie das Meer - Hat Sturm und Ebb und Fluth

schrieb einer der wohl bekanntesten bipolaren Persönlichkeiten - Vincent Van Gogh. 

Die bipolare Störung ist gekennzeichnet durch das abwechselnde Auftreten, zweier sehr gegensätzlicher Stimmungspole. In der Phase der Manie fühlt sich der Betroffene großartig und unzerstörbar. Größenwahn, Distanzlosigkeit, eine Fehleinschätzung der Realität, sprunghaftes Denken und Handeln, sowie ein mangelndes Schlafbedürfnis und exzessives Verhalten lassen auf eine Manie deuten. Das Gegenteil dazu stellt die Depression dar. Daher wurde diese Erkrankung früher "manisch-depressiv" bezeichnet. Die Phase der Depression ist durch eine gedrückte Stimmung, Freud-, Hoffnungs-. Gefühls- und Lustlosigkeit, Verzweiflung, Schlafstörungen und Appetitlosigkeit geprägt. Auch Suizidgedanken können in dieser Episode auftreten.

Kurz zusammengefasst unterscheidet man je nach Art, Verlauf und Schwere verschiedene Formen:

Bei der Bipolar-I-Störung treten manische und depressive Episoden auf. Die manische Episode ist hier sehr stark ausgeprägt. Kommen depressive und hypomanische Phasen im Wechsel vor, spricht man von einer Bipolar II-Störung. Die Hypomanie ist eine geminderte Form der Manie, in Form von gehobener, heiterer Stimmungslage. In gemischten Episoden treten depressive und (hypo)manische Symptome mindestens eine Woche lang gleichzeitig auf. In dieser Phase ist die Gefahr von Suiziden sehr hoch. Der Betroffene fühlt sich depressiv und gleichzeitig aber reizbar und ruhelos. 

Dies ist nur eine grobe Zusammenfassung der wichtigsten Punkte der bipolaren Störung. Diese komplexe Erkrankung genau zu beschreiben, würde hier den Rahmen sprengen. Aus diesem Grund folgen ein paar Beispiele aus meinem Arbeitsalltag.


Himmelhoch jauchzend...

Vor einigen Tagen kam eine, lediglich mit Unterhose und T-Shirt bekleidete Frau, in Begleitung der Polizei in unsere Abteilung. Eine Bankangestellte hatte die Polizei gerufen, da sie sich von dieser Frau bedroht fühlte. Grund für die Auseinandersetzung, war ein schon längst überzogenes Bankkonto, das nun gesperrt wurde. Während dem Aufnahmegespräch konnte die Patientin nicht sitzen bleiben und ging immer wieder umher. Sie erzählte von mehreren Millionen am Konto, schimpfte über die Bankangestellte und versicherte mir, sie hätte Häuser in der Karibik. Bei sich trug sie Plastiktüten, die gefüllt waren mit diversen Gegenständen. Bilderrahmen, Topfpflanzen, fünf nagelneue, noch verpackte Handys, Lippenstifte, Wein, Decken, Katzenfutter, ein Hammer, Zeitungen, Tonfiguren und vieles mehr. In der Abteilung musste sie schließlich einige dieser Gegenstände abgeben, da diese hier nicht erlaubt sind. Da begann sie mich lauthals zu beschimpfen. Die Patientin konnte kaum beruhigt werden. Sie versicherte mir, sie hätte "Promi-Status", sei mit dem Landeshauptmann befreundet und mache mit George Clooney Urlaub. Sie wurde dann so wütend, dass sie drohte, das Krankenhaus und die Bank in die Luft zu sprengen. Sie hielt ihren Ohrring an den Mund und sprach zu Clooney: "George, die sind hier alle verrückt!". 

 

...zu Tode betrübt

Der für diese Krankheit typische Stimmungswechsel wird oft mit "Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt" aus Goethes "Egmont" beschrieben. Die Menschen, welche sich in der Manie noch großartig und unzerstörbar fühlten, leiden schließlich in der Depression an starken Selbstzweifel, Ängsten, Hoffnungslosigkeit und Schuldgefühlen. 

So auch eine weitere Patientin, welche nach einer ähnlich starken, manischen Phase (wie oben beschrieben), schließlich nach einem Selbstmordversuch mit einem Messerstich in die Brust zu uns in die Abteilung kam. Sie konnte in den letzten Tagen kaum noch essen und trinken. Aufgrund von mehreren Drohungen und Beschimpfungen gegenüber der Familie, hatte sie nun starke Schuldgefühle. "Ich zog mich auf der Straße vor all meinen Nachbarn aus, weil ich dachte, ich sei die schönste Frau der Welt. Und nun sehe ich die übergewichtige Frau, mit krausem Haar und einem Berg von Schulden, die vor lauter Scham, das Haus seit Tagen nicht mehr verlassen hat.", sagte sie mit Tränen in den Augen. Die Patientin, welche sich noch im Voraufenthalt als "Playboymodel" rühmte und den Lippenstift viel zu dick aufgetragen hatte, saß nun mit zittrigen Händen und Knien vor mir. (Wer meine Beiträge schon länger verfolgt, kann sich vielleicht an den Artikel "Der schwierige Patient" erinnern. Das war die manische Dame, welche eines Nachts meine Geduld stark austestete.)

 

Die Normalität ist eine gepflasterte Straße - man kann gut darauf gehen. Allerdings wachsen auch keine Blumen auf ihr.

Die Manie verleiht vielen Betroffenen eine Art "Schaffensrausch". So erschufen auch viele Schriftsteller, Maler, Sänger und Schauspieler in diesen Episoden ihre besten Werke. Die Schauspielerin Catherine Zeta-Jones bekannte sich zu ihrer bipolaren Störung, Britney Spears lebte sie öffentlich, in den Biografien von Isaac Newton, Hermann Hesse oder Kurt Cobain finden sich Anzeichen für diese Diagnose. Vincent Van Gogh, welcher in der Manie seine besten Werke erschuf, schnitt sich in dieser Phase das Ohr ab. Er schrieb selbst: "Die Normalität ist eine gepflasterte Straße - man kann gut darauf gehen. Allerdings wachsen auch keine Blumen auf ihr." Er beschwerte sich zwar über seine Stimmungsschwankungen, doch wusste er auch, dass er diesen sein Kreativitätsreichtum verdankte. 
Ein großes Problem bei der Behandlung der Manie, ist die fehlende Krankheitseinsicht. Die meisten manischen Patienten möchten keine Medikamente einnehmen oder an Therapien teilnehmen, denn sie fühlen sich so gut wie noch nie zuvor. Viele Betroffene setzen die ausgewogene Stimmung mit Langeweile gleich. Sie haben in diesen stabilen Phasen das Gefühl, dass sie nur in der Manie etwas aus ihrem Leben machen können. Denn in der Manie haben sie weniger Schlaf benötigt und sehr viele Tätigkeiten in kürzester Zeit erledigen können. 


Fazit 

Die schrille Kleidung (ja, nicht jeder Manische ist nackt!), die euphorische Stimmung und der andauernde, gesteigerte Antrieb weichen stark vom "Normzustand" der Gesellschaft ab. Daher werden leider, neben schizophrenen auch manische Menschen von ihrer Umwelt, oft als die "klassischen Verrückten" erlebt. Während Außenstehende meist nur die manischen Phasen eines Betroffenen erleben, wissen Angehörige und Pflegende über den phasenweisen Verlauf der Erkrankung bescheid. Geregelte Abläufe, ausreichender Schlaf und ausgewogene Anforderungen können vor der Entgleisung in die Manie schützen.