PFLOG
der Pflegeblog

"Psychiatrische Patienten werden sediert, dass die Pfleger keine Arbeit haben!" Das Psychiatriepersonal, seien es Ärzte oder die Pflege, haben mit solch harten Vorurteilen zu kämpfen. Im folgenden Beitrag beschreibe ich euch die häufigsten Meinungen über die Sedierung in der Psychiatrie, woher diese kommen und was ich davon halte. 


Psychiater wollen alle von Psychopharmaka abhängig machen

80 Prozent der deutschen Bevölkerung glaubt, laut Stiftung der Deutschen Depressionshilfe, das Antidepressiva süchtig machen. Aber was meinen die Menschen, wenn sie von Psychopharmaka und Antidepressiva sprechen? Dieses Vorurteil entkräftet sich durch die Erklärung der Begriffe von selbst. Daher ein kleiner Exkurs in die "Pharmawelt":
Unter Psychopharmaka versteht man Substanzen, die bestimmte Stoffwechselvorgänge im Gehirn beeinflussen und so die psychische Verfassung verändern. Psychopharmaka kommen bei der Behandlung schwerer psychischer Störungen, wie Schizophrenie oder Bipolarer Erkrankung, Angst- oder Zwangsstörungen, oder schwererer depressiver Störungen zum Einsatz. 

Psychopharmaka unterscheidet man üblicherweise in verschiedenen Gruppen: Antidepressiva, Stimmungsstabilisierer, Neuroleptika (Antipsychotika), Anxiolytika, Hypnotika, Antidementiva und Sonstige Psychopharmaka. Jede Gruppe hat eine andere (Neben)Wirkung und wird unterschiedlich in der Therapie eingesetzt.

Antidepressiva, Stimmungsstabilisierer, Antidementiva und Neuroleptika/Antipsychotika können, wie jedes andere Medikament auch, Nebenwirkungen verursachen. Abhängig wird man auch bei längerer Einnahme nicht! Es gibt keinen Drogenschwarzmarkt für Antidepressiva, etc. Diese machen auch nicht high. Wer also eines dieser Medikamente verordnet bekommt, braucht keine Angst vor einer möglichen Abhängigkeit zu haben. Woher der Irrglaube kommt, ist schwer nachvollziehbar. Vielleicht daher, dass Antidepressiva über einen längeren Zeitraum eingenommen werden müssen, da die Wirkung erst nach ein bis zwei Wochen eintritt.

Hypnotika und Anxiolytika wirken angstlösend und schlafanstoßend. Die Hauptgruppe der wirksamsten Anxiolytika stellen die Benzodiazepine dar. Diese können bei einer Einnahme von länger als zwei Wochen abhängig machen und werden daher in der Regel nur in der akuten Krise, unter stationärer Behandlung eingesetzt und unter ärztlicher Betreuung wieder abgesetzt. Kaum wird ein Patient mit einem Benzodiazepin als reguläre Dauermedikation entlassen (Ausnahmen: Palliativpatienten, langjährig Abhängige,...) Daher müssen auch bei einer vorübergehenden, ärztlich betreuten Behandlung mit Benzodiazepinen keine Bedenken bestehen. Hier mehr -> Psychopharmaka


Alle Patienten werden sediert, dass die Pfleger keine Arbeit haben

Vorweg muss ich sagen, dass NICHT alle psychiatrischen Patienten mit sedierenden Medikamenten behandelt werden. Dieses Vorurteil gegenüber der Psychiatrie ist dennoch standhaft und allseits beliebt. Wenn Außenstehende davon sprechen, meinen sie meist die Behandlung mit Benzodiazepinen. Man muss sich bewusst machen, dass gesunde Menschen in der Regel nicht in die geschlossene Akutpsychiatrie kommen und gegen ihren Willen stark wirksame Medikamente erhalten. Unsere Patienten haben eine schwerwiegende psychische Erkrankung und bei Nicht-Behandlung ist von einer Fremd- und/oder Selbstgefährdung auszugehen. Benzodiazepine werden also vorübergehend zum Schutz des Patienten und/oder zum Schutz von Anderen verabreicht.

Kommt also ein Patient mit starken, einengenden Selbstmordgedanken in schwerer depressiver Episode, ist zu dessen Sicherheit eine schnell wirksame, beruhigende Medikation erforderlich. Antidepressiva, wie oben bereits erwähnt wirken erst nach ein bis zwei Wochen. Daher werden vorübergehend Benzodiazepine verabreicht. Diese Menschen nehmen diese Medikamente meist gerne an, da sie sich danach besser fühlen. 

Problematischer gestaltet sich die Einnahme bei manischen oder psychotischen (dazu mehr in meinem nächsten Pflogbeitrag) Patienten. In beiden dieser Erkrankungen herrscht meist keine Krankheitseinsicht, diese Menschen fühlen sich gesund und sehen auch keinen Grund Medikamente einzunehmen (da diese ja auch meistens vergiftet sind). In der Manie geht es den meisten Menschen besser als je zuvor. Dass sich diese jedoch durch Distanzlosigkeit, einer verminderten Gefahrenwahrnehmung, Selbstüberschätzung, Realitätsverlust, Schlafmangel und Vernachlässigung der Nahrungsaufnahme selbst und/oder andere gefährden, erkennen sie selbst nicht. Aus diesen Gründen ist eine vorübergehende Behandlung mit sedierenden Medikamenten unbedingt notwendig. Nach Abklingen der Symptome schämen sich diese Patienten oft für die Dinge die sie getan oder gesagt haben (Nackt herumlaufen ist keine Seltenheit!). Viele Patienten werden durch ihre Erkrankung massiv angespannt, unruhig und auch aggressiv gegen Gegenständen, sich selbst oder anderen Personen. Um diese Anspannung zu lösen, eignen sich am besten Benzodiazepine. 

Wer also mit "weniger Arbeit haben wollen" meint, die Patienten oder andere schützen zu wollen, dann hat man damit Recht. Es wäre womöglich sogar weniger Arbeit die Patienten einfach machen zu lassen, als mit ihnen über die Medikamenteneinnahme zu diskutieren. 


FAZIT: 

Um eine Vertrauensbasis zu den Patienten herzustellen, ist es wichtig nicht mit Sedierung zu drohen. Medikamente sollten keine Strafe, sondern eine Erleichterung für den Patienten und sein inneres Chaos sein. 

Es ist verständlich, dass Patienten, welche in ihrer Erkrankung eine eigene Realität erleben, den Nutzen der Medikation nicht begreifen. Wenn jedoch gesunde Menschen an den bösen Arzt glauben, der mit der Pharmaindustrie versucht die Menschheit von Antidepressiva abhängig zu machen, zeigt das von einem gesellschaftlichen Wissensdefizit im Bereich der psychischen Erkrankungen. 

Ich persönlich würde mir wünschen, im Falle einer auftretenden Schizophrenie, Manie oder einer anderen schwerwiegenden psychischen Erkrankung mit Psychopharmaka, wenn nötig auch zwangsmediziert, zu werden. Ich möchte mich nicht mit Selbstmordgedanken plagen müssen, von der Mafia verfolgt werden oder gar nackt den Verkehr regeln. 


Dieser Beitrag soll kein Aufruf dazu sein Psychopharmaka unüberlegt einzunehmen! Medikamente (egal welche) sollten immer mit Bedacht eingenommen werden. Im Bereich der psychischen Erkrankungen ist die Medikation nur ein Teil der Therapie. Psychotherapie, etc. können NICHT durch Medikamente ersetzt werden.