PFLOG
der Pflegeblog

Von ihm hört man ständig und jeder kennt ihn. Man findet ihn überall, in allen Nationen, in jeder sozialen Schicht, in allen Altersstufen und in beiden Geschlechtern. So auch im Altenheim, in der Akutaufnahme, in chirurgischen- sowie internistischen Abteilungen und in der Psychiatrie. Er soll ständig grundlos die Patientenglocke läuten, er muss auf die Toilette nachdem man ihn mühsam ins Bett gelegt hat, ist nicht krankheitseinsichtig und verweigert die Medikamente. Er ist gegenüber dem Behandlungsteam anspruchsvoll, egoistisch, vorwurfsvoll, entwertend oder gar aggressiv. Er löst in seinem Gegenüber negative Gefühle wie Ärger, Frust, Wut, Überforderung oder Hilflosigkeit aus. Ja, er ist es! Der "schwierige Patient". Doch gibt es ihn wirklich? oder ist er nur frei erfunden? 


Erfunden? - Einige von euch, egal in welchen Bereich tätig, werden vielleicht jetzt den Kopf schütteln und sich an den ein oder anderen Patienten erinnern, der euch schon auf die Palme gebracht hat. Und auch ich habe ihn bereits kennen gelernt. Er ist meist rücksichtslos und verhält sich provokant. Der "schwierige Patient" meiner Kollegin ist meist alkoholisiert, uneinsichtig und verweigert Untersuchungen.

Eine einheitliche Definition für den "schwierigen Patienten" gibt es nicht. Laut Prof. Dr. med. Volker Faust, verbindet man am häufigsten mit dem "schwierigen Patienten", Substanzmissbrauch, hinorganische Beeinträchtigung und/oder Diagnosen aus der Kategorie der Persönlichkeitsstörungen (histrionische, narzisstische, antisoziale und Borderline-Persönlichkeitsstörungen). Als besonders "schwierig" empfunden werden instabile Stimmungslagen, Mangel an Zuwendung, Verständnis, Hilfsbereitschaft und Empathie, sowie feindselige Drohungen bis zur Aggression.

Das würde also bedeuten, fast jeder Psychiatriepatient ist ein "schwieriger Patient". Die Realität sieht anders aus. Die Betreuung von Menschen mit psychischen Erkrankungen erweist sich nicht zwingend als "schwierig", da die Beziehungsgestaltung vom Behandlungsteam meist unterschiedlich gewertet wird. So kommen manche Kollegen mit wiederholt rückfälligen Alkohol-Patienten besser zurecht, andere überhaupt nicht. Dafür können diese vielleicht Menschen mit Borderline Persönlichkeitsstörung oder mit therapieresistente Depressionen gut aushalten. 

 

Mein "schwieriger Patient"

Bei einer Umfrage auf Instagram wollten einige von mir wissen, welche psychiatrischen Patienten für mich die "anstregendsten" sind. Ich kann hierzu keine Diagnosen nennen, denn nicht jedes Krankheitsbild äußert sich gleich. Wie bereits erwähnt, fällt es mir am schwersten, mit rücksichtslosen und provokanten Verhalten umzugehen. Kaum zu verstehen sind für mich Patienten, die während man, den 90-jährigen, schmerzgeplagten, an Sauerstoff- und Perfusor-hängenden Bettnachbarn betreut, rufen: "Schwester, ich brauche jetzt auch ein Handtuch!" oder "Können Sie bitte das Fenster öffnen?". Oder die, bei Aufnahme eines neuen Patienten klopfen: "Ich möchte jetzt mit einem Arzt sprechen!". Wie bereits erwähnt, verhalten sich so oft Menschen mit bestimmten Persönlichkeitsstörungen. 
Es kommt aber auch immer auf meine Tagesverfassung, dem Schlaf, die Arbeitswoche, die Tageszeit etc. an. Vorallem im Nachtdienst ist meine Stimmung eher schlecht. Dazu ein Beispiel:

Vor einigen Monaten war eine bipolare Patientin, gegenwärtig manisch, stationär. Ich hatte Nachtdienst. Die Patientin hatte trotz Bedarfsmedikation kein Auge zu getan. Sie stand im 5-Minuten-Takt beim Dienstzimmer oder betätigte die Patientenglocke. Um 2:00 duschte sie und überschwemmte dabei das ganze Bad. Die restliche Nacht hat sie damit verbracht, andere Patienten aufzuwecken und die Möbel ihres Patientenzimmers umzurücken. Morgens um 6:00, als ich den Kaffee zubereitete (um den sie mich schon seit Stunden gebeten hat) brachte sie dann das Fass zum überlaufen. Ihr schmecke der Kaffee nicht und ich solle sofort einen Neuen machen, befahl sie in unfreundlichem Ton. Sie nahm die Kanne und leerte den Kaffee vor meinen Augen demonstrativ in den Mülleimer, gab noch etwas Milch dazu und meinte: "Den kannst du selber trinken!". Andere hätten damit vielleicht besser umgehen können. Mich ärgerte dieses Verhalten enorm, ich verließ die Situation und freute mich, wie noch nie zuvor, auf die Ablöse vom Tagdienst. Mein "schwieriger Patient" zeigt also meist provokantes Verhalten oder Mangel an Verständnis in für mich herausfordernden Situationen


Fazit:

Man muss nicht jedes Verhalten der Patienten gut heißen, aber es kann durchaus erklärbare Gründe haben (schlechte Erfahrungen, private Probleme..). Kennt man diese, kann man die Reaktionen der "schwierigen Patienten" vielleicht besser nachvollziehen. Ein Patient hat im Krankenhaus genug "Schwierigkeiten", seine Situation, seine Erkrankung, der soziale Umgang und dann wird er auch noch als "schwieriger" Patient betitelt. Fakt ist, ein Mensch kommt nicht als "schwieriger Patient" zur Tür herein. Er wird durch unsere Empfindungen, unsere Wahrnehmung, unserer Tagesverfassung, unserer Wertvorstellungen und der Situation in der wir uns befinden "schwierig" oder noch "schwieriger" gemacht. Es gehören immer zwei dazu, damit jemand zu einem "schwierigen Patienten" wird. Und nicht jeder findet die gleichen Personen schwierig. Ist man sich aber bewusst, wer sein eigener "schwieriger Patient" ist, kann auch besser damit umgehen.