PFLOG
der Pflegeblog

Ich habe vor meiner psychiatrischen Ausbildung auf allgemeinen Stationen gearbeitet und werde nun häufig nach den wesentlichen Unterschieden gefragt. Klimmzüge am Türstock, Liegestütze im Flur, rastloses Auf- und Abgehen, plötzliche Schreie, Werfen von Bechern (und auch größeren Gegenständen) sind nicht die einzigen Unterschiede.


Freiwilligkeit

Während im Normalfall ein Mensch das Krankenhaus erst dann aufsucht, wenn er Beschwerden verspürt und dafür auch in Kauf nimmt drei Stunden auf den Arzt zu warten, sind sich psychisch-kranke Personen oftmals ihrer Krankheit nicht bewusst. Diese werden dann von den Angehörigen oder sogar (bei Fremd- und/oder Selbstgefährdung) in Begleitung der Polizei und der Rettung ins Krankenhaus gebracht. Da sich diese Patienten nicht krank fühlen, sehen sie meist keinen Grund sich an Stationsregeln zu halten, Medikamente einzunehmen oder an Therapien teilzunehmen. Um eine Selbst-und/oder Fremdgefährdung zu verhindern, ist eine Fixierung leider manchmal unumgänglich. Es sind jedoch nicht alle Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen uneinsichtig, viele wollen aber aufgrund von Vorurteilen der Gesellschaft keine Hilfe (sei es stationär, ambulant,...) in Anspruch nehmen. 

 

Akzeptanz 

Manche Menschen schaffen es morgens nicht aus dem Bett zu kommen. Grund dafür ist jedoch nicht ein gebrochenes Bein, sondern eine Depression. Problem ist, dass die Gesellschaft für eine Fraktur mehr Verständnis zeigt. Viele sind noch immer der Meinung: "Der will einfach nicht!" Ein Patient mit einem Liegegips wird von allen bemuttert und bemitleidet (obwohl er sich den Bruch vielleicht bei einer Schlägerei zugezogen hat). Auf einen depressiven Patienten wird oft eingeredet, er solle sich nun endlich zusammenreißen und aufstehen. Dieser Mensch kann das in diesem Moment genauso wenig wie einer mit Liegegips. Um diesen Patienten, egal ob mit Depression oder Fraktur, wieder auf die Beine zu bekommen, muss dieser motiviert werden (ein Drängen bewirkt oft nur das Gegenteil und löst Schuldgefühle aus).

 

Pflege-Patienten-Beziehung

In diesem Punkt unterscheidet sich meiner Meinung nach, die Psychiatrie stark von der Allgemeinen. Wie oben bereits erwähnt, ist durch die unfreiwillige Aufnahme, Vertrauen zum Pflege- und Behandlungsteam kaum/nicht gegeben. Vertrauen ist jedoch ein Grundstein für einen positiven Behandlungsverlauf und muss daher aufgebaut werden. Um dieses wieder zu gewinnen, reicht es nicht, wenn man sich nur bei der Visite blicken lässt. So werden auf der Psychiatrie auch außerhalb des routinierten Aufnahmegesprächs und des Smalltalks im Rahmen der Körperpflege, Gespräche mit den Patienten geführt. Die psychiatrische Pflege unterscheidet sich von der Allgemeinen dadurch, dass die Pflegekraft nicht die Rolle der "Haushälterin", "Bediensteten" und/oder "Kellnerin" einnimmt, sondern eine Vertraute ist und dem Patienten auch Verantwortung überträgt.


Stationsalltag und Regeln

Auf allgemeinen Stationen wird morgens das Augenmerk darauf gelegt, die Dienstübergabe so kurz wie möglich zu halten, um schnell die zehn pflegebedürftigen Patienten zu waschen und bereit für die Visite, sauber ins Bett zu legen. In psychiatrischen Abteilungen wird die genaue Übergabe und die Vereinbarung von Verhaltensregeln im Umgang mit den Patienten, sehr ernst genommen. Die Patienten werden je nach Stimmung und Notwendigkeit dann bei der Körperpflege unterstützt, wann es für sie passt. Jedoch gibt es auch klare Regeln, dazu zählen zum Beispiel: Besuchs-, Visiten- und Therapiezeiten, Verbot von Alkohol, Drogen und Medikamenten, Bettwäsche muss (je nach körperlicher Verfassung) selbstständig gewechselt werden und auch das Essen muss vom Speisewagen abgeholt und wieder zurückgebracht werden.


Essen und Waschen ist erlaubt

Ich kann natürlich nicht für alle psychiatrische Abteilungen sprechen, wir arbeiten jedoch oft nach dem Motto "Der schaut e guad aus, des schodt eam moi ned". Das so viel bedeutet wie "Der ist noch nicht an der Grenze zum Untergewicht, das schadet ihm nicht". Verweigert ein über- oder normalgewichtiger Patient das Essen, ist das vorerst nicht schlimm, solange er ausreichend trinkt. Ist der Patient psychotisch und vermutet im Essen Gift, wird er vermutlich nach Wirkungseintritt der Medikamente oder nach Vertrauensaufbau wieder essen. Auch depressive Patienten können oft tagelang nichts essen. Wichtig ist den Patienten nicht dazu zu drängen, aber es immer wieder anzubieten. Patienten mit emotional-instabiler Persönlichkeitsstörung vom Borderline Typ versuchen beispielsweise durch Nahrungsverweigerung Aufmerksamkeit zu erlangen, auch diese beginnen meist von selbst wieder zu essen, wenn der Hunger groß genug ist. Natürlich gibt es auch Ausnahmen, wie Patienten mit Essstörungen! Wie bereits erwähnt, erfolgt auch die Körperpflege, dann wann der Patient sich dazu bereit fühlt. (Manche würden sich jedoch ohne Motivation dazu nie bereit fühlen.) 


Fazit

Ein psychiatrischer Patient ist mit einem Patienten auf der Allgemeinen kaum zu vergleichen. Die Krankheitsbilder der Psychiatrie unterscheiden sich so wesentlich zu Frakturen, Diabetes und Blinddarmentzündungen und darum muss der Stationsalltag und vor allem die Beziehung zum Patienten ganz anders gestaltet werden. Eines muss man sich aber immer vor Augen halten, auch ein schizophrener Patient kann an Diabetes leiden. Daher sollte man, meiner Meinung nach, auch als psychiatrische Pflegekraft Grundlagen der Allgemeinen beherrschen und einer Pflegeperson in der Allgemeinen ist es auch erlaubt, Gespräche mit den Patienten zu führen.