PFLOG
der Pflegeblog

Hat ein Tierarzt Angst vor Tieren? Fürchtet sich ein Zirkusdirektor vor Clowns? Hat ein Dachdecker Höhenangst? Genauso leicht beantwortet ist die Frage: Hat eine psychiatrische Pflegekraft Angst vor Patienten mit psychischen Erkrankungen? 

Diese Frage wird mir dennoch oft gestellt, zuletzt bei einer Umfrage auf Instagram. Weiters kläre ich in diesem Beitrag, woher möglicherweise die Ansicht vom "gefährlichen Psychiatrie-Patienten" kommt und ob sie tatsächlich gerechtfertigt ist. 


Gewalt ist für die Gesellschaft beängstigend, daher wird nach Ursachen gesucht. Und wo findet man diese? In schwächeren Gruppierungen der Gesellschaft, über welche unzureichende Informationen vorhanden und/oder verbreitet sind. Dazu gehören Menschen mit psychischen Erkrankungen. Unter anderem auch die vielseitige Erkrankung Schizophrenie. Diese wird jedoch fälschlicherweise von den meisten Menschen, als "Spaltung der Persönlichkeit" betitelt. Der Großteil der Gesellschaft hat außer vagen Vorstellungen, keine konkreten Kenntnisse über die Erkrankung und verbindet damit Unberechenbarkeit und aggressives Verhalten. 

Über die tatsächliche Häufigkeit von Gewalttaten psychisch Kranker gibt es keine einheitlichen Studien. Dennoch kann erhoben werden, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen, wie Alkohol-, Drogenmissbrauch/-abhängigkeit, Schizophrenie, dissozialer Persönlichkeitstörung, etc., zu Gewalthandlungen neigen können. 

Die Frage ist also nicht vollkommen unbegründet. Doch obwohl im Rahmen gewisser psychischer Krankheiten zwar eine erhöhte Gewaltbereitschaft vorliegen kann, tritt diese nicht zwingend auf. Meist hat aggressives Verhalten eine Ursache (zwischenmenschliche Konflikte, Angst,...) und kommt nicht völlig unerwartet. 


Angst vs. Respekt

Angst ist, laut Duden, ein mit Beklemmung, Bedrückung, Erregung einhergehender Gefühlszustand (angesichts einer Gefahr). Empfindet ein Tierarzt bei der Betreuung eines Kätzchens solch ein Gefühl, hat er wahrscheinlich den falschen Beruf gewählt. Muss er jedoch in einen Löwenkäfig steigen, wird vermutlich auch ein berufserfahrener Tierarzt, vorsichtig sein und dem Tier einen gesunden Respekt zollen. 

Vergleichbar ist die Arbeit in einer geschlossenen Psychiatrie. Nicht jeder Patient ist eine Bedrohung. Obwohl Angst eine überlebenswichtige Funktion darstellt, hat diese oft einen negativen Beigeschmack. Ich verwende lieber das Wort ´Respekt´ (vor jemanden, aufgrund seiner höheren, übergeordneten Stellung empfundene Scheu). Ein Löwe hat gegenüber einem Menschen aufgrund seiner Kraft und seines Jagdinstinkts eine höher, übergeordnete Stellung. Ein alkoholisierter, sichtlich angespannter Mann hat eine geringere Hemmschwelle und mehr Kraft als ich, so empfinde ich angesichts dem, Respekt. 
Genauso wie ein Tierarzt geschult ist, mit einem Löwen umzugehen, sind auch wir in der Psychiatrie ausgebildet, Patienten einzuschätzen. Viele Menschen glauben, psychiatrische Patienten sind unberechenbar. Das ist ein Irrglaube, bei vielen kündigt sich aggressives Verhalten vorher an und hat meist eine Ursache. Manche wirken angespannt, unruhig, zeigen eine veränderte Mimik oder Körperhaltung... Erkennt man diese Anzeichen rechtzeitig, können Gewaltereignisse verhindert oder minimiert werden. Unsere Abteilung verfügt zudem auch über ein gutes Alarmsystem und ein hilfsbereites, engagiertes Team, dass bei Problemen, binnen Sekunden zur Stelle ist.


Fazit:

Hoffentlich habt ihr mich nicht falsch verstanden, ich möchte keineswegs ein Tier mit einem psychiatrischen Patienten vergleichen! Was ich aufzeigen möchte, ist dass Experten in ihrem Beruf durchaus Respekt vor manchen Situationen haben können. Eine wirkliche Angst besteht meistens nicht, da diese ausgebildet werden, Probleme einzuschätzen. Außerdem hoffe ich, dass niemand einer Arbeit nachgeht, vor der er sich fürchtet, sei es des Tierarzt oder die psychiatrische Pflegekraft.

Ich habe keine Angst vor meinen Patienten, lediglich einen gesunden Respekt vor angespannten Situationen. Im Rahmen einer psychischen Erkrankung kann zwar Aggressivität auftreten, ist jedoch nicht die Regel! Menschen mit psychischen Erkrankungen sind NICHT vollkommen unberechenbar und handeln meist nicht ohne Auslöser. Besonders wichtig ist mir, die Aufklärung über psychiatrische Erkrankungen. Denn nur so, können Irrglauben und Halbwahrheiten aus den Köpfen der Menschen verschwinden.