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der Pflegeblog

ZEIT statt MEDIKAMENT - Unterbringung bei Demenz


Immer öfter werden demenzkranke Pflegeheimbewohner in die geschlossene Psychiatrie überwiesen. Neben Vergesslichkeit und Orientierungslosigkeit treten im Krankheitsverlauf der Demenz auch unter anderem Stimmungsschwankungen, Paranoia, Angst und Halluzinationen auf. Die Orientierungslosigkeit kann dazu führen, dass der Bewohner vom Heim wegläuft. Versucht das Pflegepersonal den Bewohner aufzuhalten, fühlt dieser sich bedrängt und reagiert möglicherweise mit aggressivem Verhalten. Durch den Umzug ins Heim wird bei manchen Menschen mit Demenz der Wahn verstärkt, bestohlen zu werden. Diese denken, der Pfleger sei ein Einbrecher und stehle ihr hart verdientes Hab und Gut. Diese Fehlwahrnehmung kann wieder aggressives Verhalten auslösen. Das Heimpersonal ist überfordert und veranlasst eine Überstellung des Bewohners in die geschlossene Psychiatrie.



Erwartung "richtig auf Medikamente einstellen"

Eines sollte man sich bei der Betreuung von Menschen mit Demenz im Klaren sein - eine Demenz kann man nicht heilen, auch nicht mit Medikamenten. Die bislang verfügbaren Medikamente können im Optimalfall lediglich eine zeitweise Stabilisierung der Denkleistung bewirken. Neben der Beeinträchtigung des Denkens treten auch Verhaltensstörungen wie z.B Depressionen, Ängste und Aggressionen auf. Hier werden Antidepressiva oder Neuroleptika verordnet. 


Realität "Zeit statt Medikament"

Die dementen Menschen vom Pflegeheim kommen zu uns in die geschlossene Abteilung. Sie sind desorientiert und manchmal auch verängstigt oder wütend. Die Patienten erhalten ihre Medikamente. Doch zeigen diese oft nicht die gewünschte Wirkung, sondern nur viele Nebenwirkungen, wie z.B Übersedierung. Daher ist die nicht-medikamentöse Betreuung, wie zum Beispiel der Einsatz von Orientierungshilfen, deeskalierende Maßnahmen, Validation und Zeit besonders wichtig. Zeit, welche leider in vielen Pflegeheimen aufgrund von Personalmangel nicht gegeben ist. Eine Pflegeperson, welche 30 Bewohner nachts alleine versorgen muss hat oft keine Zeit einen schwer Dementen wieder und wieder und wieder ins Bett zu bringen. Die Pflegeperson ist gestresst, da sie so viel anderes zu tun hätte. Dieser Stress überträgt sich auch auf den Bewohner. Er wird unruhig, schlägt, zwickt und/oder schreit. 


Ein Beispiel: 

Eine alte Dame mit Demenz kommt mehrmals im Monat zu uns. Der Grund: sie isst und trinkt nicht, nimmt die Medikamente nicht ein, schläft nachts nicht und schlägt die Pfleger. Diese Frau denkt, sie werde vergiftet und bestohlen.

Wie wir mit dieser Dame arbeiten:

Um das Gefühl zu vermeiden bestohlen oder arm zu werden, erhält die Patientin wenn möglich ein Einzelzimmer. Morgens, wenn sie noch schläft, stellen wir Saft und das Frühstück ins Zimmer, so hat die Patientin das Gefühl, das gehöre bereits ihr und sie müsse dafür nichts mehr bezahlen. Sie hat den ganzen Tag Zeit um zu essen. Das Tablett wird erst abgeräumt, wenn sie damit einverstanden ist. Bei den Medikamenten wird ihr immer wieder versichert, sie müsse dafür nichts bezahlen. Wenn sie, die Medikamente ablehnt, probieren wir es später wieder und lassen ihr Zeit. Die Patientin kann wach bleiben und sich bis 23:00 im Zimmer beschäftigen. Sie wird meist ohne Zusatzmedikation müde und schläft ein. Wenn die Dame angespannt oder gereizt wirkt verlässt man das Zimmer und lässt ihr Zeit sich zu beruhigen.


Fazit

Zeit ist wahrscheinlich der Grund, warum die Patientin bei uns isst, trinkt und schläft, und im Heim nicht. Das Heimpersonal stoßt bei solchen Bewohnern an ihre Grenzen. Zu wenig psychiatrische Ausbildung und Personalmangel machen für Demenzkranke mit Verhaltensstörungen einen Psychiatrieaufenthalt unumgänglich. Doch diese Probleme sind nicht durch die Gabe von Medikamenten behebbar. Für verwirrte, alte Menschen ist eine Einweisung (oft auch mit Begleitung der Polizei) ins Krankenhaus sehr belastend. Der Ortswechsel und die unbekannte Situation führen eher zu einer Verschlechterung des Zustands. 
Nicht Medikamente, sondern die Reduzierung von Stress und die psychiatrische Weiterbildung der Pflegenden im Heim können meiner Meinung nach die Unterbringung von Menschen mit Demenz verringern.