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der Pflegeblog

Wird man da nicht selber auch verrückt?

 

Wir Pflegepersonen haben mit vielen Vorurteilen und Klischees zu kämpfen, arbeitet man auf einer psychiatrischen Abteilung werden diese durch weitere ergänzt. Es sind die unterschiedlichsten Fragen, die man als psychiatrische Pflegeperson zu hören kriegt. Manchmal frag ich mich, ob meine Mitmenschen an meiner geistigen Gesundheit zweifeln. Wenn nicht, warum fragen sie dann: "Wird man da nicht selber auch verrückt?" 



1. Arbeitest du bei den "schlimmen Fällen"?

Was sind denn "schlimme Fälle"? Wo liegt die Grenze zwischen harmlos/nicht mehr ganz so harmlos/schon ein bisschen schlimm/schlimm? Wenn man hier nachfragt, kommen die unterschiedlichsten Antworten.

Die Patienten mit denen ich arbeite sind NICHT schlimm! Sie sind krank, und ja, ich arbeite auf einer Akutpsychiatrie (auch Unterbringung oder geschlossene Abteilung) hier befinden sich schwer kranke Patienten in der Akutphase. Diese Patienten müssen in dieser Phase in einem geschützten Bereich sein, damit eine Fremd- oder Selbstgefährdung verhindert werden kann. Schlimme Fälle gibt es nicht, lediglich kranke Patienten!

 

2. Hast du da nicht Angst?

Auch der Begriff "Angst" wird unterschiedlich von den Fragenden definiert. Es gibt jene, die sich vorstellen, wie eine Patientin mit langen schwarzen Haaren plötzlich hinter dir steht und dich anstarrt. Also eine Angst, die man empfindet, wenn man sich einen Horrorfilm ansieht. Die anderen meinen damit die Angst vor aggressiven Patienten, also die Angst verletzt zu werden. 
Die Frage bezüglich der Angst vor tätlichen Übergriffen ist meines Erachtens durchaus gerechtfertigt. Die Patienten haben oft in der Akutphase eine niedrige Toleranzgrenze und können mit Regeln schwer umgehen. Dies kann daran liegen, dass sie alkoholisiert oder von Drogen berauscht sind. Oder sie verkennen aufgrund einer Psychose (die Umwelt wird verändert wahrgenommen) die Situation. Solche Patienten denken dann beispielsweise, dass sie verfolgt werden und sich wehren müssen.
Dazu muss ich sagen, dass ich weder vor dem einen noch vor dem anderen Angst habe, lediglich einen gesunden Respekt vor gewalttätigen Menschen im Allgemeinen. 

 

3. Auf der Psychiatrie tragen alle Zwangsjacken und befinden sich in Gummizellen!

In Film und Fernsehen sieht man immer wieder psychiatrische Patienten, welche in Zwangsjacken abgeführt oder in sogenannte "Gummizellen" gesteckt werden. Beides wird auf der Psychiatrie NICHT mehr verwendet, auch die Netzbetten wurden abgeschafft. Bei einem plötzlich auftretenden Wutanfall (Raptus) ist es, aufgrund der hohen Selbst-und/oder Fremdgefährdung oftmals leider unvermeidbar, die Patienten in ein Bett zu fixieren. Dies geschieht in der Regel erst, wenn alles versucht wurde, um die Situation zu deeskalieren. Unter "5 Punkt Fixierung" versteht man, dass der Patient mittels eines Stoffgurtes mit beiden Beinen, beiden Armen und dem Bauch ans Bett fixiert ist. Eine Fixierung geschieht NIE ohne Sedierung! Man muss sich immer bewusst sein, dass eine Fixierung für den Patienten ein mögliches Trauma sein kann und diese nicht leichtfertig durchgeführt werden soll!


Doch nicht nur Krankenhaus fremde Personen, sondern auch meine Kollegen auf anderen Stationen, haben Vorurteile gegenüber der Psychiatrie.


4. Da spielt man doch nur mit den Patienten!

Das Aufgabengebiet einer psychiatrischen Krankenpflegeperson ist vielseitig. Neben der Betreuung und Pflege von Menschen mit psychischen Störungen gehören auch Gespräche und allgemeine Beschäftigung zum Tätigkeitsbereich.

Die Patienten dürfen die Station nicht verlassen. Persönliche Gegenstände, wie Akkukabel, Rasierer, etc. werden aufgrund der Verletzungsgefahr vorübergehend entwendet. Sie sind meist nicht freiwillig hier und fühlen sich eingesperrt und verraten. Daher ist es besonders wichtig, dass die Patienten zu den Pflegern wieder Vertrauen aufbauen können. Das ist ein Grundstein für einen positiven Behandlungsverlauf. Vertrauen gewinnt man aber nicht, wenn man sich nur bei der Visite blicken lässt und sich im Dienstzimmer versteckt.


5. Auf der Psychiatrie sind alle Patienten selbstständig!

Erst vor wenigen Tagen habe ich diese Aussage gehört. "Auf der Psychiatrie benötigen die Patienten keine Unterstützung bei der Körperpflege, sie können alleine essen und trinken." - Ein Irrglaube! Im Verlauf einer Demenz kommt es oft zu aggressiven Verhalten. Die Angehörigen oder die Pflegepersonen im Heim sind schließlich überfordert und bringen die dementen Menschen auf die Psychiatrie, um sie auf Medikamente einzustellen. Ob das richtig oder falsch ist würde einen eigenen Pflogeintrag ausfüllen. Oft zwicken, spucken oder schlagen diese Patienten um sich. Solche Patienten sind keineswegs "selbstständig". Aber nicht nur Menschen mit Demenz, sondern auch depressive oder psychotische Patienten benötigen Unterstützung. Vielen ist es oft nicht mehr möglich alleine aufzustehen, zu essen oder sich selbstständig zu waschen.


6. Wird man da nicht selber auch verrückt?

Psychische Erkrankungen sind nicht ansteckend oder übertragbar! Das Wort "verrückt" ist abwertend, es bedeutet geistesgestört zu sein und zeigt auf, dass die Gesellschaft über psychische Krankheiten noch nicht genug aufgeklärt ist. Es bestehen weiterhin noch viele Vorurteile.

Ich kann verstehen, dass nicht jeder Mensch auf einer psychiatrischen Abteilung arbeiten will. Dennoch sollten wir uns bewusst sein, dass wir im Alltag häufig Kontakt mit psychisch erkrankten Menschen haben. Diese Menschen sind keine gruseligen Gestalten, welche in Zwangsjacken stecken und Schaum vor dem Mund haben. Nur bei den wenigsten kann ein Laie erkennen, dass dieser Mensch psychisch nicht gesund ist. Du unterhältst dich mit ihnen an der Schlange bei der Kasse, arbeitest vielleicht täglich mit ihnen zusammen oder vertraust im Fachhandel ihrer Meinung,...

Also Frage ich euch - wird man da nicht selber auch verrückt?