PFLOG

der Pflegeblog

(K)Ein Mittel gegen Selbstmord?

Suizid in der Psychiatrie

Laut Statistik Austria verstarben 2016 1204 Menschen in Österreich an Selbstmord, 107 davon waren dabei in stationärer Behandlung. Wie viele sich in psychiatrischen Abteilungen suizidierten ist nicht bekannt. Es wird jedoch vermutet, dass der wesentliche Teil in Psychiatrien, der Rest in onkologischen und palliativmedizinischen Stationen stattfand. Doch wie kann das in einer (geschlossenen) Psychiatrie passieren? Und wer ist daran Schuld? Ich werde versuchen, euch den Suizid eines Patienten aus der Sicht einer betroffenen Pflegekraft zu schildern. 


Außenstehende glauben oft, dass in der Psychiatrie alle Patienten bis zur Bewegungslosigkeit mit Medikamenten "vollgepumpt" oder tagelang ans Bett fixiert sind. Diese fragen sich, wie so etwas passieren kann. In geschlossenen Psychiatrien können sich die Patienten frei auf der Station bewegen, doch diese nicht verlassen. Die Patienten tragen ihre eigene Kleidung, und haben ihre persönlichen Gegenstände dabei, lediglich Kabel, Bänder, Medikamente und scharfkantige Gegenstände dürfen abgenommen werden. Weitere Freiheitsbeschränkungen, wie zum Beispiel die Fixierung, oder die unfreiwillige Medikamentenverabreichung müssen begründet und gerichtlich abgesegnet werden.

Nicht nur Außenstehende, auch das Behandlungsteam stellt sich die Frage nach dem Warum. Die Patienten werden doch in einem geschützten Bereich aufgenommen, um Hilfe zu erhalten. Dass jene angebotene Hilfe, nicht oder nur augenscheinlich angenommen wird und der Patient den Suizid wählt, führt meist zu der Frage, ob der Suizid hätte verhindert werden können.

Als ich einen Patienten erhängt aufgefunden habe, saß der Schock tief. Mein Verstand setzte aus und ich handelte nur noch instinktiv. Ich alarmierte, versuchte den Knoten zu öffnen und schrie um Hilfe. Diese Zeit in der ich erfolglos alles probierte um dem Patienten das Leben zu retten, kam mir vor wie eine Ewigkeit. Tage- nein Wochenlang bin ich alle Schritte meines Dienstes an jenem Tag durchgegangen. Wann habe ich den Patienten zuletzt gesehen? Was habe ich in der Zeit gemacht? Warum habe ich nicht früher nach ihm gesehen? Doch ich konnte keinen Fehler entdecken und keine Schuld feststellen. Regelmäßig wurde nach diesem Patienten gesehen und trotzdem gelang ihm der Suizid. 

In der Schule lernt man über Selbstmord, welche Risikogruppen es gibt, welche Zeiten bevorzugt und welche Methoden am häufigsten gewählt werden. Kommt man schließlich in ein Patientenzimmer und sieht einen erhängten, toten Körper, ist das plötzlich Realität, keine auswendig gelernte Statistik mehr. Es ist dein Patient, mit dem du Gespräche geführt hast, dem du Hilfe angeboten hast, der dir vielleicht auch versprochen hat, sich nichts anzutun und nach dem du regelmäßig gesehen hast. Und plötzlich ist er tot, trotz all deiner Bemühungen.


Nicht nur die Ärzte und das Pflegeteam, sondern auch die Angehörigen erhoffen sich eine adäquate Behandlung des Patienten. Bei einem Suizid, wird von Seiten der Familie manchmal nach der Schuld am Tod der geliebten Person gesucht. Wer die Trauerphasen nach Kübler-Ross kennt, weiß, dass in der zweiten Phase, Wut auftreten kann. Diese richtet sich dann oft gegen die Ärzte und das behandelnde Team. So kann es zu anklagendem Verhalten gegenüber dem Krankenhaus kommen. Zudem habe ich auch schon von Kollegen von anderen Abteilungen gehört, welche über die von ihnen geglaubte nachlässige Pflege in der Psychiatrie urteilen. 

Genau diese Anschuldigungen sind es, welche mich als Pflegekraft besonders getroffen haben. Die Frage nach schuldhaftem Handeln stellt große Anforderungen an die eigene persönliche Belastbarkeit dar. Ich bedauerte die Angehörigen, war auch wütend auf den Patienten, dass er das den Angehörigen und mir angetan hat, hatte schlaflose Nächte und erinnerte mich immer wieder an den Vorfall. Auch jetzt denke ich noch an jenen Dienst, der meine Sicht auf das Leben, auf meinen Beruf und auf meine Patienten vollkommen verändert hat. 


Fazit

Kein Patient wird in der Psychiatrie vom Personal ermutigt sich umzubringen. Jeder Patient wird so gewissenhaft wie möglich behandelt und gepflegt. Man weiß trotz gründlicher Anamnese, Gesprächen und Versprechungen nicht, wie sich ein Patient genau verhalten wird. Suizide lassen sich nie völlig verhindern. Sie sind verpasste Möglichkeiten Hilfe anzunehmen. 


Wenn du an Depressionen leidest oder Suizidgedanken hast, versuche Hilfe anzunehmen! Deiner Angehörigen, aller Beteiligten und vor allem DIR zu Liebe! Suche den Arzt, das Krankenhaus, einen Psychotherapeuten oder einen Psychiater auf. Wende dich an deine Familie und an deine Freunde und suche dir Unterstützung. Telefonische Hilfe bietet auch die Telefonseelsorge Österreich (142).