PFLOG
der Pflegeblog

Sterbende Patienten, fordernde Angehörige, Neuaufnahmen und zu wenig Entlassungen, Personalmangel, Streitigkeiten im Team oder mit der Leitung,... dies sind nicht die einzigen Hürden, welche das Pflegepersonal meistern soll. Eine Studie untersuchte Aggressionserlebnisse in Krankenanstalten und der ambulanten Versorgung. Im Vergleich zu anderen Berufsgruppen sind Pflegekräfte, mit großen Abstand, am häufigsten von Übergriffen betroffen. In der stationären Pflege gaben 78 Prozent an, im Jahr 2016, mindestens verbalen Attacken ausgeliefert gewesen zu sein. Es zeigte sich auch, dass sich Aggression und Gewalt in allen Bereich der Pflege findet. Daher ist es für das Personal unabdingbar, sich mit dieser Thematik auseinander zu setzen. 

Beschimpfungen, Drohungen, körperliche Gewalt und sexuelle Belästigung - Hätten solche Situationen verhindert werden können? Wurde richtig gehandelt? Habe ich etwas falsch gemacht? Wie kann ich mich davor schützen? Diese Fragen, welche sich Betroffene nach Gewaltereignissen oft stellen, werde ich im folgenden Beitrag mittels Beispielen aus der Praxis näher behandeln.


Auszug aus Pflegedokumentation


Herr XY kommt mit der Polizei zur stationären Aufnahme. Er schimpft vor sich hin "Schlampe, Drecksau, Trampel...". Die Polizei gibt an, Herr XY habe seinen Nachbarn einen Toaster auf den Kopf geworfen, als er unter seinem Fenster stand. Laut Patient wäre das nicht der Nachbar gewesen, sondern ein Dieb, der versuchen wollte sein Gehirn zu stehlen. Er würde in letzter Zeit ständig bestohlen werden und es würden skurile Gestalten mit verschwommenen Gesichtern, vor seinem Haus stehen. Im Aufnahmeprozedere wirkte der Patient angespannt, misstrauisch und nervös. Als die Pflegeperson schließlich fragte, ob sie seine Tasche durchsehen dürfe und sich zu dieser hinunter bückte, schlug der Patient um sich und verletzte die Pflegeperson am rechten Ohr und an der rechten Wange...

Aggression? Ja oder Nein? 

Gerade der Begriff "Aggression", unterdem jeder glaubt sich etwas vorstellen zu können, sollte mit Bedacht verwendet werden. Denn nicht jede Verletzung von Dingen oder Personen ist eine aggressive Handlung. Aggression bezeichnet in der Psychologie jedes körperliche und verbale Verhalten, das mit der Absicht ausgeführt wird, jemanden zu verletzen oder zu schädigen. (Stangl, 2018)  Aggression ist also, etwas oder jemanden mit Absicht zu schädigen. Schlägt ein wahnhafter Patient aus Angst um sich und verletzt jemanden aus Versehen, gilt dieser nicht als "aggressiv". Es besteht jedoch die Gefahr der Fremdgefährdung, da der Patient in seiner Psychose eine andere Realität erlebt, Personen und Situationen verkennt und Handlungen schwer abschätzen kann. 

Wird das schädigende Verhalten nicht nach außen gerichtet, sondern gegen die eigene Person, nennt man dies Auto-Aggression. Manche Verhaltensweisen, können als Formen der Auto-Aggression gedeutet werden und haben oftmals einen Appelcharakter: Esssucht, Magersucht, Bulimie,  Missbrauch von Sucht- und Rauschmitteln, selbstherbeigeführte Verletzungen wie das Ritzen,...  (Stangl, 2018).


Auszug aus der Pflegedokumentation


Frau XY kommt gegen 02:00 nackt aus dem Zimmer und versuchte sich zu einem männlichen Mitpatienten ins Bett zu legen. Die Patientin wird versucht aus dem Zimmer zu begleiten, doch die Patientin zeigt abwehrendes Verhalten. Die Patientin wirkt angetrieben, läppisch und die Stimmung stark gehoben. Sie beschimpfte das Pflegepersonal als Nazis. Als sie schließlich mit 2 Pflegepersonen aus dem Zimmer des Mitpatienten gebracht werden kann, lief sie zur geschlossenen Abteilungstüre und klopfte mit den Fäusten dagegen. Bedarfsmedikation wird der Patientin angeboten, diese lehnt sie jedoch ab, denn sie fühle sich gesund. Im weiteren Verlauf konnte die Patientin durch Gespräche beruhigt werden, sie nahm die Bedarfsmedikation ein und ging anschließend wieder ins Bett.

Eskalation oder Deeskalation?

Hilfslosigkeit, gefühlter Freiheitsentzug, die ungewohnte Umgebung, eine niedrige Hemmschwelle bei der bipolare Störung und Drogen- und Alkoholkonsum und Persönlichkeitsstörungen können mögliche Auslöser für aggressives Verhalten bei Patienten sein. Im Fall von Frau XY, welche laut Beschreibung zu dieser Zeit vermutlich, manisch und/oder psychotisch war, konnte mit einem Gespräch die Situation deeskaliert werden. Dies gelingt jedoch nur mit gut geschultem Personal. 

Das Thema Deeskalation/Verhindern von aufschaukelnden Prozessen würde jedoch den Rahmen dieses Beitrags sprengen, daher werde ich darüber einen eigenen Pflogbeitrag verfassen. Wichtig ist jedoch, dass Deeskalationsschulungen, nicht nur für Psychiatrie-Personal, sondern auch für allgemeine Stationen und Einrichtungen etabliert wird. 


Auszug aus Pflegedokumentation 


Frau XY kommt mit der Rettung und in Begleitung ihres Sohnes zur stationären Aufnahme. Die Patientin hat zum Aufnahmezeitpunkt 2,7 Promille in der Atemluft und wirkt gangunsicher. Der Sohn berichtet von Streitigkeiten in der Familie aufgrund des vermehrten Alkoholkonsums seiner Mutter. Sie habe eine Vase in Richtung ihres Lebensgefährten geworfen, hat gedroht sie bringe ihn um, und dann sich selbst. Sie nahm eine Glasscherbe und verletze sich am Unterarm und am Hals. Frau XY wirkt derzeit ablehnend, möchte auch keine Gespräche mit dem Arzt und lässt auch keine Untersuchung der Wunden zu. Die Patientin drängt auf Entlassung und wird zunehmend angespannt. Plötzlich beginnt sie lauthals zu schimpfen und zog aus ihrer Jackentasche eine Glasscherbe (10-15cm). Diese hielt sie in Richtung des Pflegepersonals und sagt: "Ich bringe euch alle um!". 

Sicherheit

Vorerst eine Frage an dich, als Leser: Wie würdest du dich als Pflegeperson in dieser Situation verhalten? 

Würdest du dich auf Frau XY stürzen und versuchen ihr die Scherbe abzunehmen? Wärst du noch bereit dazu, mit ihr zu diskutieren? Oder würdest du so schnell es geht das Weite suchen? 
Eine Allround-Lösung gibt es bei aggressiven Verhalten nicht. Und obwohl, der Schutz der Patienten wichtig ist, ist es nicht unsere Pflicht als Pflegepersonal, unser Wohl zu gefährden! Ich würde jedem raten, sich zurückzuziehen, Hilfe zu rufen und die Polizei zu kontaktieren. Eine Morddrohung, auch in alkoholisiertem Zustand, ist keine Lappalie und immer ernst zu nehmen. 

Neben Maßnahmen zur körperlichen Sicherheit des Personals, ist die psychische Aufarbeitung nach Aggressionshandlungen, mittels Supervisionen und Gesprächen, besonders wichtig!


Fazit

Aggressiv ist ein vager Begriff. Was als aggressiv empfunden wird, wird von den Betroffenen subjektiv gewertet. Nicht jeder Psychiatrie Patient ist aggressiv, auch wenn er aufgrund einer möglichen Fremdgefährdung in der geschlossenen Psychiatrie untergebracht ist! 

Verständnis ist Okay, nicht aber das Erdulden von Aggressionen gegen die eigene Person. Pflegekräfte müssen und dürfen sich nicht alles gefallen lassen! Verletzungen oder schwerwiegenden Drohungen werden, auch heute noch, häufig totgeschwiegen um den Patienten zu beschützen. Eine Anzeige bei der Polizei zu erstellen, ist in solchen Fällen, genauso wichtig, wie im privaten Umfeld.