PFLOG
der Pflegeblog

Eine Umfrage auf Instagram hat mich zu diesem Pflogbeitrag motiviert. -Anzeige bei Aggressionen gegen das Pflegepersonal Ja oder Nein? Während 59 Prozent der abstimmenden Personen mit JA antworteten, haben 41 Prozent für NEIN gestimmt. Mit einem solchen Ergebnis hatte ich nicht gerechnet. Diese 41 Prozent waren für mich schwer zu verdauen… So habe ich nachgedacht und die häufigsten Aussagen gegen eine Anzeige, gesammelt und im folgenden Beitrag für euch näher ausgeführt.

     

„Der Patient hat es nicht mit Absicht gemacht.“ "Der Patient war delirant."

Wie im vorigen Beitrag bereits erwähnt, bezeichnet Aggression jedes körperliche und verbale Verhalten, das mit der Absicht ausgeführt wird, jemanden zu verletzen oder zu schädigen. Schlägt ein wahnhafter, deliranter und/oder dementer Patient aus Angst um sich und verletzt jemanden aus Versehen, gilt dieser nicht als aggressiv. Keine Aggression = keine Anzeige!


„Der Patient ist doch (psychisch) krank.“ „Der Patient war unzurechnungsfähig.“

Eine psychische Erkrankung kann Auslöser für aggressives Verhalten sein. Jedoch verstößt solches Verhalten gegen das geltende Recht. Würdet ihr es entschuldigen, wenn eine psychisch kranke Person jemanden aus eurer Familie verletzen würde? Warum muss also eine Pflegekraft dann so viel Verständnis haben und Aggressionen von Patienten erdulden?

Die Erkrankung ist zwar ein (nachvollziehbarer) Grund, entschuldigt jedoch keine Straftat. Eine Frau, die ihren Mann ermordet, weil er sie jahrelang geschlagen hat… Der Mann, der die Frau schlägt, weil sie ihn betrogen hat… Für die meisten Taten gibt es einen Grund - für die einen mehr, für die anderen weniger nachvollziehbar. Wo zieht man die Grenze, zwischen „Grund“ und „aus Lust und Laune heraus“?

Und warum glauben wir, als Pflegepersonal bei Aggressionen, welche gegen uns gerichtet sind, Richter spielen zu können? Die Frage, ob Aggressionen pathogener Natur waren, sollten diejenigen klären, deren Job es ist.


 „Es gehört zu unseren Beruf.“ „Wir kennen das Risiko.“


Der Aufgabenbereich im gehobenen Dienst für Gesundheits- und Krankenpflege umfasst folgenden Kompetenzbereiche:

Pflegerische Kernkompetenzen, Kompetenz bei Notfällen, Kompetenzen bei medizinischer Diagnostik und Therapie, Weiterverordnung von Medizinprodukten, Kompetenzen im multiprofessionellen Versorgungsteam, Spezialisierungen

Siehe auch : Berufslexikon

Mehrmals habe ich unser Berufsbild gelesen, habe aber nirgends den Kompetenzbereich „Kompetenz im Erdulden von Aggressionen“ finden können.

Unser Beruf war lange Zeit von Unterwürfigkeit geprägt. Doch in einer Zeit des Gendering, der Bestrebung nach Gleichberechtigung und der Selbstbestimmung sollte nun ein Umdenken stattfinden.

Wir, als Pflegepersonal wollen Respekt für unseren Beruf und versuchen uns gegen Vorurteile zu wehren. Wir fordern bessere Besetzungen Tag und auch nachts, mehr Pflegepersonal, mehr Wachdienste in Krankenhäusern und eine bessere Bezahlung.

Was all dies mit Anzeigen bei Aggressionen zu tun hat? Eine Menge! Anzeigen machen ersichtlich, dass Gewalt in Krankenanstalten ein präsentes und ernst zu nehmendes Thema ist. Anzeigen und ordentliche Dokumentationen werden, die Institutionen früher oder später, zu einem Handeln zwingen. Und so wird schließlich versucht werden, Deeskalationstrainer auszubilden, Securitys anzustellen, Alarmserver zu errichten und vielleicht auch mehr Pflegepersonal einzustellen.

Zudem senkt Konsequenzlosigkeit die Hemmschwelle bei Aggressionen gegen die Pflegenden. „Man kann doch einmal die Schwester sexuell bedrängen, sie kennt doch das Risiko!“ „Wenn mir was nicht passt, schlag ich einfach mal zu, das gehört doch zu deren Beruf!“ Wenn also, für mich erschreckende, 41 Prozent der Umfrage auf Instagram so denken, wieso sollte sich in den Köpfen der Patienten und Außenstehenden etwas ändern?

Da die meisten Pflegepersonen, Gott sei Dank, unseren Beruf aus Liebe zum Menschen nachgehen, steht an oberster Stelle „den Patienten schützen“. Und obwohl, der Schutz der Patienten wichtig ist, ist es nicht unsere Pflicht als Pflegepersonal, unser Wohl zu gefährden. Wer denkt, einen Patienten zu schützen, indem er ihn nicht anzeigt, gefährdet zugleich andere Mitmenschen.

 

Ein Irrglaube:  

„Der arme, unzurechnungsfähige Patient kann doch nicht in das Gefängnis gehen, denn er gehört behandelt.“

Behandlungsbedürftige Menschen mit psychischer Erkrankung, die aufgrund der Krankheit gegen geltendes Recht verstoßen haben, kommen in der Forensischen Psychiatrie unter. Eine Nahtstelle zwischen Psychiatrie und Justiz.


Fazit

Keine Absicht hinter der Aggression = keine Anzeige. Eine psychische Erkrankung ist zwar ein Grund, entschuldigt jedoch keine Straftat. Ob Aggressionen pathogener Natur waren, sollte nicht vom Pflegepersonal beurteilt werden. Anzeigen machen ersichtlich, dass Gewalt in Krankenanstalten ein präsentes und ernst zu nehmendes Thema ist, können am Arbeitsumfeld Verbesserungen hervorbringen und zudem auch noch Mitmenschen schützen.

Wen und ob man schließlich anzeigt oder nicht, ist jedem selber überlassen. Mein Ziel ist es nur, zum Nachdenken anzuregen.